LE SIÈCLE DE LUCIA
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LE SIÈCLE DE LUCIA
Anna Marie, wie ist es für dich, als junge Schauspielerin wieder nach Luxemburg zu kommen? Hattest du den Kontakt zu deiner Heimat ganz abgebrochen oder warst du immer ein bisschen präsent?
Vor dem Schauspielstudium hatte ich gar nicht so viele Bezugspunkte zur Theaterszene in Luxemburg. Ich war im Conservatoire und habe meine Unterrichte gemacht. Im Jugendclub [des TNL] habe ich ein bisschen gespielt. Es ist nicht so, als wäre ich schon vor dem Studium verwurzelt gewesen. Dahingehend ist es ein Neuanfang für mich. Und ich freue mich natürlich darüber, dass ich hier eine Plattform bekomme und anfangen kann, weil ich glaube, gerade für Anfänger·innen ist es wichtig, einfach was zu machen, sich reinzustürzen. Ich bin auch spezifisch froh darüber, hierhin zurückzukommen, weil ich ja dann doch hier meine Familie habe, Freunde habe und verwachsen bin. Es gibt gemeinsame Bezugspunkte und deswegen ist es für mich ganz toll, dass ich jetzt hier einfach mal spielen und singen kann.


Wie kommt man als junge freischaffende Künstlerin an Aufträge? Wie hat sich das ergeben?
Das kam nicht aus dem Nichts. Also ich habe wirklich gemerkt, dass man proaktiv werden muss. Zu uns wurde immer gesagt: „es holt euch keiner ab“. Und das stimmt auch so! Ich habe unzählige Bewerbungen geschrieben, auch an Theater im deutschsprachigen Raum. Ursprünglich wollte ich in ein Festengagement an einem Haus im deutschsprachigen Raum. Aber da ist natürlich die Konkurrenz noch mal viel, viel größer. Und dann habe ich das Gleiche hier in Luxemburg gemacht. Ich bin an das Mierscher Theater herangetreten mit einer Email und habe gesagt „Hallo, mich gibt’s und ich hätte Bock bei euch was zu machen“. Also ich habe mich schon aus eigener Initiative um Sichtbarkeit bemüht.
Wie ist denn der Austausch mit anderen jungen luxemburgischen Schauspieler·innen? Kennt und hilft man sich untereinander?
Na ja, ich kenne nicht alle-alle. Aber ich würde mal sagen, die meisten. Viele von uns waren zusammen im Conservatoire im Schauspielunterricht. Ich erlebe den Austausch unter uns jungen Schauspieler·innen als sehr wohlwollend und unterstützend. Man probiert sich gegenseitig auch zu vermitteln, weil wir alle irgendwie doch im gleichen Boot sitzen. Also ich bin sehr froh, dass ich da einige Leute kenne und dass wir miteinander reden und uns helfen.
Inwiefern hat dich die künstlerische Ausbildung hier in Luxemburg auf dein Schauspielstudium im Ausland vorbereitet? Knüpfte das nahtlos aneinander an?
Nach der Première habe ich mich noch nicht ganz bereit gefühlt, Schauspiel zu studieren, weil ich erst relativ spät im Konservatorium angefangen habe. Mit sechzehn, glaube ich. Deswegen habe ich erst mal hier [in Luxemburg] studiert, und zwar Germanistik. Und das habe ich auch im Bachelor abgeschlossen. Das Studium war ein bisschen ein Hinauszögern von dem, was danach kommen sollte. Ein Plan B. Aber während des Germanistikstudiums war ich trotzdem fest entschlossen, danach Schauspiel zu studieren. Diese Teilzeitausbildung am Konservatorium mit Sprecherziehung, Impro- und Schauspielunterricht war für mich sehr, sehr wichtig – vielleicht sogar unerlässlich –, um an eine staatliche Schauspielschule zu kommen. Weil für mich war immer klar, wenn Schauspiel, dann richtig. Und zwar an einer staatlichen Schule, und nicht an einer privaten.
„ICH FINDE ES WICHTIG, DASS SICH DAS PUBLIKUM NICHT DAZU EINGELADEN FÜHLT, SICH GEMÜTLICH IN SEINEN SESSEL REINZUFLÄZEN UND MIR VOYEURISTISCH BEIM MACHEN ZUZUSCHAUEN.“
Anna Marie Schneider
Ist es deiner Meinung nach eine Voraussetzung ein geisteswissenschaftliches Fach zu studieren, um eine gute Schauspielerin zu werden?
Hm. Ich würde nicht sagen, dass es eine Voraussetzung ist. Man kann durchaus Schauspieler·in werden, ohne davor etwas Geisteswissenschaftliches studiert zu haben. Aber es ist, finde ich, eine totale geistige Bereicherung. Man befasst sich halt schon davor sehr viel mit Texten, und das ist ja auch ein wesentlicher Bestandteil unseres Berufes. Deswegen war das sicher aufschlussreich und förderlich für mich. Beide Studien sind zwar sehr unterschiedlich, aber dennoch haben sie viel miteinander zu tun, denn, wenn es um Literatur geht, geht es letztlich um Menschen. Sie ist von Menschen gemacht und geht um unser Zusammenleben, um unsere Welt und wie wir sie gestalten. Im Schauspiel, im Theater tun wir das letztlich auch: uns mit unserem Zusammenleben auseinandersetzen, Geschichten erzählen. Dahingehend habe ich es immer als einen großen Gewinn und ein Geschenk empfunden, dass ich vor dem Schauspielstudium Germanistik studiert habe.

Wie wichtig ist dir die Nähe zu den Menschen?
Bei so einer Soirée wie Lieder aus der Kulisse, finde ich es besonders wichtig, dass sich das Publikum nicht dazu eingeladen fühlt, sich gemütlich in seinen Sessel reinzufläzen und mir voyeuristisch beim Machen zuzuschauen. Sondern der Abend soll ein bisschen böse, ein bisschen provokativ sein, dass man den Zuschauer, die Zuschauerin ein bisschen aus der Reserve lockt. Diese Lieder und Figuren bieten das an und ich persönlich finde es immer interessant, wenn zwischen Publikum und Bühnengeschehen ein Dialog entsteht. Ich verstehe Theater allgemein als eine als Unterhaltung im ursprünglichen Sinne: wir führen eine Unterhaltung miteinander. Es entsteht ein gemeinsamer Raum, wo wir über eine Sache zusammen nachdenken oder zusammen lachen. Das finde ich eigentlich meistens spannender, als wenn es eine klare Abtrennung gibt zwischen dem Bühnengeschehen und dem Zuschauer·innenraum.
Eine letzte Frage. In den Liedern, die du ausgesucht hast, werden sehr unterschiedliche Thematiken behandelt. Wie knüpfst du den roten Faden? Bist du der rote Faden?
Der rote Faden ist, dass diese Lieder alle mit dem Theater zu tun haben. Entweder stammen die Lieder aus dem Theater oder sie handeln vom Theater. Und dann gibt es natürlich einige, die sind ein bisschen melancholischer, andere spitzzüngiger. Mal ist es ernster mit Musik von Kurt Weill und dann wird es wieder ein bisschen humoristischer bei Georg Kreisler. Der rote Faden ist wirklich das Theater und ja, aber auch ich. Der Abend hat auch mit mir persönlich zu tun. Im Untertitel steht: „Anna singt sich frei“. Ich probiere mich mit diesem Projekt ein Stück weit wirklich frei zu singen. Unter anderem von dieser Bewerbungsphase am Anfang von meiner Laufbahn, die wirklich nicht immer so einfach war. Und dann habe ich mir dieses Projekt ausgedacht und gesagt: Ach, ich gehe jetzt nicht mehr zu den Theatern und frag „Habt ihr was für mich?“. Sondern ich gehe zu ihnen und sage „Ich habe was für euch“. So. Also in gewisser Hinsicht bin auch ich und dieses Sich-losreißen-von-den-Strukturen der Leitfaden.
