LE SIÈCLE DE LUCIA
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LE SIÈCLE DE LUCIA
Was bedeutet es heute, männlich zu sein?
Diese Frage stand am Anfang von Locker Room Talk. Keine theoretische Überlegung, kein abstraktes Konzept – sondern eine sehr persönliche Erfahrung.
Vor rund acht Jahren wurde der Schauspieler Jan Jaroszek Vater eines Sohnes. Mit der Verantwortung, ein Kind zu begleiten und ihm Werte mitzugeben, wuchs auch eine Unsicherheit: Welche Werte sind das eigentlich? Welche Vorstellungen von Männlichkeit prägen ein Kind – bewusst oder unbewusst?
Über Generationen hinweg schienen die Antworten klar. Sätze wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ prägten das Bild des starken, schweigsamen Mannes. Emotionen galten als Schwäche, Verletzlichkeit als Makel.
Als die Generation der Millennials aufwuchs, hatte man das Gefühl, dass dieses Bild zu kippen begann. Viele Eltern versuchten, ihre Kinder möglichst frei von starren Rollenbildern zu erziehen. Farben sollten nichts „aussagen“, Zuschreibungen möglichst vermieden werden. Popkulturelle Vorbilder öffneten neue Räume: Kriegerinnen wie Lara Croft oder Boybands, die Sensibilität und Emotionalität zeigten. Gleichzeitig normalisierten sich Familienmodelle, in denen Väter die Erziehung der Kinder übernahmen und Mütter Karriere machten – gespiegelt in Filmen wie Mrs. Doubtfire oder Der Babynator.
Doch wie erleben junge Menschen diese Entwicklungen heute?
Welche Bilder, Erwartungen und Widersprüche prägen ihren Alltag – und wie sprechen sie darüber?


Diese Fragen führten Jan Jaroszek an das Mierscher Theater, mit dem Wunsch, daraus ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Kein Stück, das Antworten vorgibt, sondern eines, das zuhört. Schnell wurde deutlich: Mit diesen Unsicherheiten, Fragen und inneren Konflikten ist Jan nicht allein. Gemeinsam mit dem Mierscher Theater entstand ein Theaterprojekt, das sich zeitgemäßen Männlichkeitsbildern widmet – nicht belehrend, sondern forschend. Zusammen mit Therese Lösch und Romy Weyrauch stellte sich Jan der Aufgabe, diese Thematik künstlerisch zu durchdringen. Im Zentrum stand von Beginn an die Frage: wie gesellschaftliche Narrative von Männlichkeit heute wirken – und wie sie bei Jugendlichen tatsächlich ankommen.
Junge Menschen wachsen in einer Medienlandschaft auf, die sie täglich mit Bildern, Meinungen und vermeintlichen Vorbildern konfrontiert. Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ sind längst Teil des öffentlichen Diskurses. Figuren wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Andrew Tate stehen für ein Männlichkeitsbild, das Stärke mit Dominanz verwechselt, Lautstärke mit Autorität und Erfolg mit Macht über andere Menschen. Über soziale Netzwerke verbreiten sich diese Narrative schnell, oft ungefiltert und zugespitzt. Doch wie gehen Jugendliche damit um? Übernehmen sie solche Bilder unkritisch – oder setzen sie sich differenzierter damit auseinander, als Erwachsene es ihnen zutrauen? Für das Mierscher Theater, das seit vielen Jahren eng mit Schulen und jungen Menschen arbeitet, war diese Frage zentral. Locker Room Talk sollte kein Stück über Jugendliche werden, sondern eines, in dem die Gedanken der Jugendlichen repräsentiert werden.
Schnell wurde klar, dass die Auseinandersetzung nicht erst im Theatersaal beginnen durfte. Wer über Sprache, Macht und Grenzüberschreitungen sprechen will, muss dorthin gehen, wo diese Themen entstehen: in Klassenzimmern, auf Schulhöfen, in jenen Zwischenräumen, in denen Jugendliche unter sich sind. Nach unserem Aufruf an Schulen, das Projekt auch in Form von Workshops zu begleiten, meldeten sich überraschend viele Lehrkräfte. Mehr, als wir erwartet hatten. Die Rückmeldungen waren ausführlich, persönlich und in ihrer Dringlichkeit bemerkenswert. Lehrpersonen berichteten von beiläufigen Aussagen im Schulalltag – Sätze wie „Frauen gehören zurück in die Küche“ oder „Feminismus ist die gerechte Strafe für die verweichlichte Männerwelt“. Aussagen, die provozieren und verunsichern – und zeigen, wie präsent bestimmte Narrative im Denken junger Menschen sind.
Vom 12. bis 16. Januar 2026 ergab sich schließlich die Möglichkeit, eine Woche lang direkt in die Schulen zu gehen. In dieser Zeit arbeiteten Jan und Romy mit sieben Klassen an fünf unterschiedlichen Schulen: dem Lënster Lycée, dem Athénée de Luxembourg, dem Lycée Robert Schuman, dem Lycée Ermesinde, dem Lycée Classique de Diekirch sowie der École internationale Mersch Anne Beffort.


Was in den Workshops folgte, überraschte nachhaltig. Entgegen der Befürchtung, dass problematische Männlichkeitsbilder unkritisch übernommen würden, zeigten sich die Schülerinnen und Schüler bemerkenswert reflektiert. Figuren wie Andrew Tate wurden klar eingeordnet – als provokante Erscheinungen, denen man wenig Glaubwürdigkeit zuschreibt.
Stattdessen verlagerte sich das Gespräch schnell auf persönliche Erfahrungen. Vor allem Mädchen berichteten von alltäglichen Grenzüberschreitungen: hinterhergepfiffene Bemerkungen, anzügliche Kommentare, das Gefühl von Unsicherheit im öffentlichen Raum. Erfahrungen, die nicht spektakulär sein müssen, um tief zu wirken. Auch Jungen meldeten sich zu Wort – oft leiser, aber nicht weniger eindrücklich. Auf die Frage, was sie ihre Väter fragen würden, wenn diese wirklich offen antworten könnten, kam eine Antwort, die im Raum nachhallte: „Ich würde ihn fragen, wie es ihm geht.“ Eine einfache Frage – und doch Ausdruck eines großen Bedürfnisses nach emotionaler Nähe. Besonders deutlich wurde der gesellschaftliche Druck beim Thema Emotionen. Öffentliches Weinen bleibt für Jungen nahezu vollständig tabuisiert. Schwäche zu zeigen gilt weiterhin als unvereinbar mit gängigen Vorstellungen von Männlichkeit. Härte, Kontrolle und Unverletzlichkeit dominieren – ganz im Sinne tradierter Männlichkeitsbilder.
Gleichzeitig beschrieben viele Jungen Männlichkeit auch als Verantwortung: schützen zu wollen, stark zu sein für andere. Mehrere äußerten offen ihre Scham über das Verhalten jener Männer, die Frauen herabwürdigen oder bedrohen. Der innere Konflikt moderner Männlichkeit wurde greifbar: zwischen Stärke und Sensibilität, zwischen Erwartung und Selbstbild.
Locker Room Talk ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Die Gespräche in den Schulen haben gezeigt, wie vielschichtig, widersprüchlich und sensibel die Frage nach Männlichkeit heute verhandelt wird – und wie groß zugleich das Bedürfnis nach Räumen ist, in denen diese Widersprüche ausgesprochen werden dürfen.
Auch nach den Workshops bleiben wir mit den beteiligten Klassen in Kontakt. Sie begleiten den Entstehungsprozess weiter, werden über die Entwicklung der Produktion informiert und bleiben Teil eines
Dialogs, der mit dem Theaterstück nicht endet. Möglich wurde dieser ganzheitliche Ansatz auch durch die Unterstützung starker Partner. Die Fondation Sommer begleitete das Projekt von Beginn an finanziell und im inhaltlichen Austausch. In mehreren Gesprächen wurde deutlich, wie hoch die gesellschaftliche Relevanz der Thematik eingeschätzt wird – insbesondere im Hinblick auf junge Menschen.
Ergänzend brachten sich das Ministère de l’Égalité des genres et de la Diversité sowie infoMann mit ihrer fachlichen Expertise ein. Ihr Fokus lag darauf, sensibel, verantwortungsvoll und pädagogisch reflektiert mit Fragen von Geschlechterrollen, Macht und Grenzüberschreitungen umzugehen – ein Anspruch, der die künstlerische Arbeit von Anfang an begleitet aber nicht beeinträchtigt.
Locker Room Talk feiert am 9. und 10. Juni 2026 Premiere auf der Bühne des Mierscher Theaters. Darüber hinaus arbeitet das Mierscher Theater in enger Zusammenarbeit mit den Partnern bereits an der Weiterentwicklung des Projekts. Im Herbst der kommenden Spielzeit sind unter anderem zwei wichtige Veranstaltungen geplant: Am 23. November 2026 findet eine thematische Konferenz zum Thema „toxische Maskulinität“ statt. Am 26. November 2026 präsentieren wir Locker Room Talk mit anschließender Gesprächsrunde, die den Dialog zwischen den Akteuren vertiefen und Raum für Austausch bieten soll.